Un mensaje optimista para un mundo en crisis

Dr. Frank Semper für DKF-Blog

14/08/2020

 

Juan Manuel Santos.

Un mensaje optimista para un mundo en crisis.

Prologo de Steven Pinker

Editorial Planeta, Bogotä 2020

Kindle E-Book €10,99

 

(K)Eine leichte Sommerlektüre

Immer wenn vom Ex-Präsidenten Älvaro Uribe die Rede ist, wie in diesen Tagen, als ihn das oberste kolumbianische Strafgericht, die Corte Suprema, wegen des dringenden Verdachts der Bestechung und des Prozessbetruges unter Hausarrest gestellt hat, stellt sich auch die Frage, womitsein Amtsnachfolger Juan Manuel Santos (JMS) augenblicklich beschäftigt ist.

Anders als Uribe, der nach wie vor kräftig in der Tagespolitik mitmischt, ist JMS nach Ende seinerPräsidentschaft in andere Sphären entschwebt. Der Friedensnobelpreisträger von 2016 spielt nunmehr, wie viele der handverlesenen Persönlichkeiten, denen diese herausragende Auszeichnungzuteil wurde, zumal wenn sie einmal Staats- und Regierungschef gewesen sind, wie Michael Gorbatschow, Nelson Mandela oder Barak Obama, in einer anderen Liga. Sie genießen durchweg große internationale Anerkennung, aber ihre außerordentliche Visionsgabe, die das Weltgeschehenals Ganzes in den Blick zu nehmen gewohnt ist, fördert auch die Neigung zur Abgehobenheit und macht sie in ihren jeweiligen Heimatländern umstritten und gelegentlich unbeliebt. JMS ist da keine Ausnahme.

In den meisten demokratisch verfassten Staaten haben sich augenscheinlichzwei ganzunterschiedlicheRegierungsstile entwickelt,dieaufkonträrenÜberzeugungen fußen und von ganzunterschiedlichenPolitikertypenverkörpert werden.JMSversteht es glänzend Politik zumoderieren und verschiedene Fachmeinungen in den Entscheidungsprozess einzubinden, darin derin diesem Metier beispielgebenden deutschen Kanzlerin nicht unähnlich, wohingegen der einemautoritärenRegierungsstil zuneigendeAlvaroUribenichtaufAusgleichsetzt, sondern seineGefolgschaft durch Polarisierungenund massiveAnfeindungen gegenüber dempolitischenGegneran sich zubindenversteht.

Derstudierte Ökonom und JournalistJMS hatnachdem Endeseiner langen und erfolgreichen politischen Karriere seinen neuen Platz im erlauchten Kreis derdistinguierten Wissenschaftler gefunden.Als Gastprofessoran der EliteuniversitätHarvard undMitglied imExekutivausschussderrenommierten Rockefeller-Stiftung wurdeer vonden Angehörigen der Ostküsten-Elite indenUSAalseinervon ihnenaufgenommen. Dort atmet er die vertrauteakademischeund weltpolitische Luft,dieerschon als Sohneines angesehenen ChefredakteursundHerausgebersvon Kolumbiens größterTageszeitung, El Tiempo,imElternhausaufdie ungezwungeneArt und Weise und mit der Selbstverständlichkeitin sich aufgenommen hatte, wie sie nur einem Angehörigenvon Bogotas Führungsschicht zueigen ist.

In seiner jetzt beim Editorial Planeta publizierten Schrift versucht er, die aktuelle Situation Kolumbiens aus der Sicht des Optimisten zu beschreiben und zu beurteilen. Er gibt sich alsglühender Verehrer des bekannten „Star-Denkers“ und Harvard-Kollegens Steven Pinker zuerkennen und bricht eine Lanze für dessen Weltsicht des Optimismus (gewonnen aus Evidenz). DerBestsellerautor Steven Pinker („Aufklärung Jetzt“) ist eine umstrittene Figur, den man durchaus alsPsychologen für Nicht-Psychologen bezeichnen darf Das muss kein Manko sein, auch andere prominente Wissenschaftler haben ihre weltweite Berühmtheit jenseits der Grenzen ihres Fachgebietes mit Publikationen für die breite Öffentlichkeit erworben, beispielsweise der HistorikerYuval Harari („Homo Deus“) oder der Ökonom Thomas Piketty („Das Kapital im 21.Jahrhundert“).

Wunderbar, könnte man meinen, wenn sich bei Pinker – und (ihm folgend) JMS – der Optimismus nun überschwänglich auf Kolumbien richtet!

Dabei geht es nicht um den Optimismus als entspannte Geisteshaltung zur Förderung des individuellen, familiären oder gar gesellschaftlichen Lebensglücks, sondern um seine Funktionalisierung als politisches Programm, wenn nicht politische Theorie zur allgemeinen Verbesserung der Welt und der Lebensbedingungen seiner Bewohner.

Pinkers Thesen passen in die Zeit. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Dieses Mantra hämmern uns die Börsen tagtäglich ein. Ob der Optimismus aber als allgemeine Richtschnur politischen Handelns zum Zweck der Verbesserung der Welt wirklich taugt, darf mit Fug und Rechtbezweifelt werden, schon eher beschleicht einen der Gedanke, dass in der Huldigung des Optimismus einmal mehr das Opium des Volkes am Werke ist, um das Wohl der (guten)Regierenden zu mehren.

Pinker, der das Vorwort zu JMS „Optimistischer Botschaft für eine Welt in der Krise“ beigesteuert hat, liest aus den Statistiken über den historischen Verlauf der letzten Jahrhunderte eine stete Entwicklung zum Positiven heraus. Alles habe sich verbessert, es gebe weniger Kriege, weniger Gewalt, weniger Armut, weniger Hunger, mehr Bildung, mehr Wohlstand, mehr Demokratie, und das weltweit und mehr oder weniger kontinuierlich.

Warum wollen dies die meisten Zeitgenossen bloß nicht wahrhaben, sondern insistieren auf die vielen Missstände in der Welt? Dazu liefert Pinker eine schlichte wie reflexartige Erklärung. Schuldseien die Medien, die die Wahrnehmung der Welt bestimmten und verzerrten, die „von raren Ereignissen wie Kriegen, Epidemien oder Katastrophen berichten, nicht vom Alltag, also von Frieden, Gesundheit und Sicherheit. Diese Neigung zum Negativen verstärke sich noch, weil die Journalisten um Klicks kämpfen und als Moralprediger ihr Publikum aus seiner Selbstzufriedenheitreissen wollen.“

(Zitat aus der NZZ vom 02.02.2019 – Hier geht es zum Link)

Die These, dass die Welt immer besser werde, versuchen Pinker, bezogen auf die Welt und JMS, bezogen auf Kolumbien, mit einer Vielzahl an statistischen Daten zu belegen. Dabei sind nicht die Daten das Problem, sondern ihre vorgenommene Bewertung und die angelegten Vergleichsmaßstäbe.

Ein Beispiel. Kolumbien gehört nach Ansicht der Vereinten Nationen im lateinamerikanischen Kontext zu den Ländern mit dem höchsten Grad an Ungleichverteilung in punkto Einkommen und Vermögen, abzulesen am sog. GINI-Koeffizienten. Hierbei wird die Einkommensverteilung entlangeiner Strecke zwischen 0 und 1 dargestellt, wobei die höhere Zahl ein höheres Maß an Ungleichheitbeschreibt. Der Koeffizient sei in den 1990er und Nullerjahren gleichbleibend hoch gewesen und erst zwischen 2010-2018 in signifikanter Weise von 0.563 auf 0.517 gefallen. Damit habe sich Kolumbien vom letzten Platz (gemeinsam mit Haiti) auf eine gute Position im Mittelfeld des Länderrankings vorarbeiten können. Das stelle, laut Expertensicht, so JMS, auf diesem Niveau einegewaltige Verbesserung da. Stimmt die Aussage, ist das eine Vermutung oder gesicherte Erkenntnis und welche Erklärung hat er dafür? Schließlich deckt sich der angegebene Zeitraum mitdem Mandat seiner Präsidentschaft. Wir erfahren es leider nicht.

Zustimmen wird man JMS mit der positiven Beurteilung der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung hinsichtlich der makroökonomischen Faktoren wie der Entfaltung von Unternehmensgeist oder bei der Bewertung der kolumbianischen Geldpolitik mit einer noch immerweitgehend unabhängigen Notenbank (Banco de la Repüblica), geringer Staatsverschuldung und moderater Inflation. Auch eine funktionierende Gewaltenteilung mit intakten Institutionen gehört zuden großen Pluspunkten Kolumbiens im lateinamerikanischen Vergleich, ohne dass man zu dieserFeststellung auf den Optimismus rekurrieren müsste. Schade allerdings, dass diese positivenBefunde einer breiten Öffentlichkeit kaum bekannt sind.

Wenig bis gar nichts erfährt man aber zur anhaltenden desolaten Menschenrechtsproblematik (den erschreckend hohen Zahlen ermordeter sozialer Aktivisten seit dem Friedensschluss), die Rolle derArmeeführung bei der Rekrutierung und anschließenden Ermordung junger Männer aus den Armenvierteln von Bogotä, sog. falsos positivoss, sowie zur gegenwärtigen und zukünftigen Rolleder afrokolumbianischen Gemeinschaften und indigenen Völker. Ihnen allen wünschte man ein wenig mehr von dem ansonsten geradezu verschwenderisch verteilten Optimismus.

JMS ist während seiner Präsidentschaft in Kolumbien vieles gelungen, das zuvor kaum möglich schien und sein positives Denken wird ihn in seinen Überzeugungen bestärkt haben, einen Friedensvertrag mit der bis dahin ältesten und kampfstärksten Guerilla des Kontinentes abzuschließen, eine außerordentliche Willensleistung, die viele seiner Vorgänger nicht aufbringen wollten oder konnten, wodurch er dem Land das Tor zum 21. Jahrhundert geöffnet hat. Der nun vorliegende Interviewband präsentiert die aktuelle Faktenlage in Kolumbien übersichtlichund eingängig formuliert, dennoch weiss JMS mit seinen Ausführungen nur bedingt zu überzeugenund bereitet mit seiner Überdosis an Optimismus all denen, die sich ernste Gedanken um die Zukunft des Landes machen, anhaltende Kopfschmerzen.

 

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