¿Me regala un tinto?

    
 Zu diesem Blog-Beitrag:
Santiago Garnica Montañez ist Kolumbianer und unterrichtet seit rund drei Jahren online Spanisch, vor allem für Lernende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mehr über die Unterschiede zwischen kolumbianischem Spanisch und Spanisch aus dem Lehrbuch schreibt er unter garnica.co/de/blog/colombian-spanish-vs-textbook

Für den Blog, im Oktober 2026
     

 

Zehn kolumbianische Ausdrücke, die kein Lehrbuch erklärt

Wer in Deutschland Spanisch gelernt hat und dann zum ersten Mal in Bogotá, Medellín oder Cali landet, erlebt oft eine kleine Überraschung: Man versteht die Grammatik, man kennt die Vokabeln – und trotzdem klingt vieles ganz anders als im Kurs. Das liegt nicht an mangelnden Kenntnissen, sondern daran, dass das kolumbianische Spanisch voller Ausdrücke steckt, die im Lehrbuch schlicht nicht vorkommen. Zehn davon möchte ich Ihnen hier vorstellen.

1. ¿Me regala un tinto?

Bedeutung: „Bekomme ich einen schwarzen Kaffee?“
Beispiel: Buenos días, ¿me regala un tinto, por favor?
– Guten Morgen, ich hätte gern einen Kaffee, bitte.

Hier stolpern Deutschsprachige gleich doppelt. Regalar heißt eigentlich „schenken“, aber in Kolumbien ist ¿Me regala…? schlicht die höfliche Art, im Laden oder Café etwas zu bestellen – bezahlt wird natürlich trotzdem. Und tinto ist kein Rotwein, sondern ein kleiner schwarzer Kaffee, oft schon gesüßt. Man bekommt ihn überall, auch bei den tinteros, die mit ihren Thermoskannen durch die Straßen ziehen.

2. Parce

Bedeutung: Kumpel, Freund
Beispiel: ¿Qué más, parce? ¿Todo bien?
– Na, mein Freund,alles gut?

Parce ist die Kurzform von parcero und stammt ursprünglich aus Medellín, ist heute aber im ganzen Land zu hören, vor allem bei jüngeren Leuten. Sehr herzlich, sehr umgangssprachlich – beim Chef oder bei der Schwiegermutter sollten Sie es lieber nicht ausprobieren.

3. ¡Qué bacano!

Bedeutung: Wie toll! Super!
Beispiel: El concierto estuvo muy bacano.
– Das Konzert war richtig klasse.

Bacano ist eines der häufigsten Lobwörter in Kolumbien. Ein Ort, ein Mensch, ein Plan – alles kann bacano sein. Wer es benutzt, klingt sofort ein Stück weniger nach Lehrbuch.

4. Ahorita

Bedeutung: gleich, sofort – oder irgendwann später.
Beispiel: Ahorita le mando el documento.
– Ich schicke Ihnen das Dokument gleich.

Wörtlich ist ahorita nur eine Verkleinerung von ahora („jetzt“). In der Praxis kann es „in einer Minute“ bedeuten, aber genauso gut „heute Nachmittag“ oder „irgendwann“. Ein Tipp: Wenn es wirklich eilt, sagen Kolumbianer gern ahoritica oder ya mismo. Und eine Portion Gelassenheit hilft.

5. No dar papaya

Bedeutung: Sich keine Blöße geben, es niemandem leicht machen.
Beispiel: No dé papaya
con el celular en el bus.
– Lassen Sie Ihr Handy im Bus nicht so offen herumliegen.

Dar papaya bedeutet, sich selbst unnötig angreifbar zu machen – etwa durch eine offen getragene Kamera oder eine unbedachte Bemerkung. Dazu gehört das Sprichwort papaya puesta, papaya partida: Eine Papaya, die herumliegt, wird auch aufgeschnitten. Es ist weniger Misstrauen als gesunder Pragmatismus.

6. Echarle los perros a alguien

Bedeutung: Mit jemandem flirten, jemandem den Hof machen.
Beispiel: Creo que Andrés le
está echando los perros a Camila.
– Ich glaube, Andrés macht Camila schöne Augen.

Wörtlich hieße das „die Hunde auf jemanden hetzen“, was auf Deutsch eher nach Ärger klingt. Gemeint ist aber das Gegenteil: Interesse zeigen, umwerben. Ein schönes Beispiel dafür, warum wörtliches Übersetzen manchmal in die Irre führt.

7. Estar enguayabado

Bedeutung: Einen Kater haben
Beispiel: Hoy no puedo, estoy enguayabado.
– Heute geht
nichts, ich habe einen Kater.

Der Kater heißt in Kolumbien el guayabo. Nach einer langen Nacht mit Salsa und
aguardiente hört man den Ausdruck besonders am Sonntagmorgen. Als bewährtes
Gegenmittel gilt übrigens eine kräftige Suppe oder ein caldo de costilla.

8. ¡Qué pena!

Bedeutung: Entschuldigung! Wie unangenehm!
Beispiel: Qué pena con usted, ¿me puede
ayudar?
– Entschuldigen Sie die Störung, könnten Sie mir helfen?

Im Lehrbuch steht meist „wie schade“. In Kolumbien drückt qué pena aber vor allemVerlegenheit oder Höflichkeit aus: Man entschuldigt sich, wenn man stört, zu spät kommt oder jemanden anrempelt. Wer das kennt, wundert sich nicht mehr, warum sich ständig jemand „bedauert“.

9. Camellar

Bedeutung: (hart) arbeiten
Beispiel: Esta semana me tocó camellar mucho.
– Diese Woche musste ich ordentlich ranklotzen.

Das Bild dahinter ist das Kamel, das schwere Lasten trägt. Camellar heißt arbeiten, oft mit dem Unterton von Mühe, und un camello ist umgangssprachlich ein Job.
Conseguí camello bedeutet also nicht, dass jemand ein Kamel gekauft hat, sondern eine Stelle gefunden hat.

10. Estar bravo

Bedeutung: Wütend, verärgert sein.
Beispiel: ¿Está bravo conmigo?
– Sind Sie sauer auf mich?

Bravo klingt für deutsche Ohren nach „brav“ oder nach Applaus – in Kolumbien meint estar bravo aber verärgert sein. Ein perro bravo ist entsprechend ein bissiger Hund. Und wenn jemand über eine Prüfung sagt ¡Está bravo!, dann heißt das: Die ist ganz schön schwer.

Zum Schluss

Viele dieser Ausdrücke verraten etwas über das Land selbst: Die Höflichkeit hinter
¿me regala? und qué pena, den Humor in echar los perros, die Vorsicht in no dar papaya. Wer sie kennt, versteht nicht nur mehr, sondern kommt auch schneller ins Gespräch. Und keine Sorge: Kolumbianer freuen sich in aller Regel sehr, wenn Besucher es versuchen – auch wenn es nicht auf Anhieb perfekt klingt.

 

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