Deutsch-Kolumbianischer Freundeskreis e.V.

Selva Adentro - Keine Entwarnung für Amazonien
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Dr. Frank Semper
für DKF-Blog
26/05/2020



Selva Adentro - keine Entwarnung in Amazonien!

Mit den gesunkenen Fallzahlen kehren in Europa die Zuversicht und die Sorglosigkeit zurück, und mancherorts hat sich eine diffuse Unzufriedenheit gegen ein als aufgebauscht empfundenes, wenn nicht gar erfundenes, von finsteren Mächten gesteuertes Phänomen breit gemacht.

In den reichen Industrienationen wird die Covid-19-Pandemie inzwischen herunter gedimmt und steht im Begriff, demnächst als allgemeines, das heißt individuell zu tragendes, Lebensrisiko eingeordnet zu werden. Die Seuche wird aus Risikogesichtspunkten dann wie Autofahren oder Fliegen behandelt, und dieser Entwicklung wird man unter dem Gesichtspunkt der „Rückkehr zur Normalität“ durchaus positive Aspekte abgewinnen können. Vielleicht trägt dieser Umstand bald zur Versachlichung der Diskussion bei und dient nicht der Verharmlosung.

Mit Blick auf unsere Freunde in Kolumbien (und generell in Lateinamerika) zeigt sich augenblicklich allerdings ein anderes Bild. Die Pandemie trifft eben nicht alle gleich. Unter den großen Vermögen haben die gewichtigen Notenbanken in rasender Eile ein gigantisches Rettungsnetz gespannt, und den von Gehaltseinbußen und Arbeitsplatzverlust betroffenen Angestellten haben die westlichen Regierungen zumindest Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen zur Verfügung gestellt, damit die Menschen nicht von heute auf morgen ins Bodenlose zu fallen drohen.

In diesem wilden Durcheinander weltweiter Aufmerksamkeitsökonomie ist es für die bescheidenen und höflichen Indígenas Fany Kuiru Castro und Luis Alba nicht einfach, Gelder für ihre gute Sache einzuwerben.

https://www.gofundme.com/f/indigenous-colombian-women-emergency-response/donate/sign-in

1280 USD sind bislang zusammengekommen, ein schöner Betrag, doch nicht allzu viel, um 348 indigene Familien aus dem kolumbianischen Amazonasgebiet, die in Bogotá leben oder dort gestrandet sind, mit einem kleinen Hilfsbeitrag zu unterstützen.

Ich habe Fany gebeten, die Lebenswirklichkeit und die grundsätzlichen Probleme der indigenen Gemeinschaften aus dem kolum- bianischen Amazonasgebiet in Bogotá und ihrem traditionellen Territorien zu schildern.

Zu den Indigenen aus dem Amazonasgebiet, die sich in Bogotá aufhalten zählen durch den bewaffneten Konflikt von ihrem Land Vertriebene, Arbeitssuchende und Studenten. Fast alle leben in prekären Wohnverhältnissen zu überhöhten (Tages-) Mieten oder als rechtlose invasores (Hausbesetzer). Sie arbeiten als Hausangestellte oder ambulante Verkäufer, u.a. von Süßigkeiten. Einige haben sich zu Cabildos zusammengeschlossen. Sie (über-)leben von Tag zu Tag, und die meisten von ihnen haben keinen Zugang zum staatlichen Gesundheitssystem.

In ihren traditionellen Territorien im kolumbianischen Amazonasgebiet sind die indigenen Gemeinschaften in Form der Asociaciones de Autoridades Indígenas (ATIS) organisiert und an die Indigenenorganisation für das kolumbianische Amazonasgebiet (OPIAC) angeschlossen. Die Mehrzahl von ihnen hat eine subventionierte Krankenversicherungsdeckung, die jedoch in der Praxis gemeinhin nichts nützt, da die Krankenstationen personell zumeist nicht besetzt bzw. notwendige medizinische Apparate nicht vorhanden sind, so dass im Endeffekt ausschließlich die traditionelle Medizin Anwendung findet. Bei Ausbruch der Covid-19-Pandemie hat sich gezeigt, dass die an für sich gute Idee, ein interkulturelles Gesundheitssystem in den indigenen Territorien zu installieren (SISPI) und mit dem staatlichen Gesundheitssystem zu koordinieren, jedenfalls nicht soweit entwickelt worden ist, um dem augenblicklichen Härtetest auch nur ansatzweise zu genügen. Die Mehrzahl der Indígenas im kolumbianischen Amazonasgebiet lebt verstreut an den Ufern der großen Flüsse, am Río Putumayo, Río Caquetá, Rio Vaupés, Río Apaporis, einige in kleinen Ansiedlungen, andere im Familienverband. Die Regierung hat bislang nichts für sie getan, so Fany.

Anders als in der Pazifikregion, in der die Patrulla Aerea del Pacifico, eine Privatorganisation von engagierten Fliegern um den deutschen Honorarkonsul in Cali, Gerhard Thyben, die ohne kommerzielle Interessen und auf eigenes Risiko Hilfsflüge mit Leichtflugzeugen in abgelegene Dschungelnester durchgeführt hat - Jenny hat in mehreren Blogbeiträgen eindrucksvoll davon berichtet - wurde im Amazonasgebiet bislang erst einmal die Präsidentenmaschine FAC 0001 mit Hilfslieferungen nach Leticia entsandt.

Zu einigen weltentfernten Orten inmitten des Regenwaldes ist das Virus bislang noch nicht vorgedrungen, wenn dies geschieht, kommt es zum Ethnozid. Fany und die OPIAC stellen augenblicklich Notausrüstungen zusammen, bestehend aus Angelhaken, Taschenlampen, Batterien, Seife, Salz, (Panela-) Zucker, Macheten und Äxten, damit sich die Menschen in diesen Ecken selbst-isolieren und ihren Weg „selva adentro“ (Dschungel einwärts) einschlagen können, wie es unter Amazonasindigenen in der Kautschukzeit zur Gewohnheit wurde, um Zwangsarbeit und lebenslanger Schuldknechtschaft zu entgehen.

Bislang konnte die OPIAC 5000 Mundschutze an einzelne, schwer betroffene indigene Gemeinschaften in der Umgebung von Leticia und Puerto Nariño versenden. Aber, so schreibt mir Fany, in der Amazonía, die fast die Hälfte der kolumbianischen Landfläche ausmache, sind wir zusammen 168.000 Indígenas, verstreut über eine riesige Fläche in den Departamentos Putumayo, Caquetá, Guaviare, Guainía, Vaupés und Amazonas, und zumeist nur aus der Luft zu erreichen.
 



Veröffentlicht am:
20:11:41 26.05.2020

Letzte Aktualisierung
22:38:52 26.05.2020


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