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Deutsch-Kolumbianischer Freundeskreis e.V.

Resümee zur CAPAZ-Online-Diskussion am 19.05.2020

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Zum Originaldokument des Autors Wolfgang Goede, Medellín

 
 
 

Kolumbiens Friedens-Paradoxon
Friedens-Engagierte riskieren ihr Leben –
wie Menschen und den Friedensprozess schützen?



„Der Frieden in Zeiten der Corona: Herausforderungen für Kolumbien.“ So hieß ein bilateral hochrangig besetztes virtuelles Panel des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstituts CAPAZ. Der DKF hat den Diskurs am Monitor mitverfolgt. Hier ein Resümee in jeweils fünf „Bullet Points“ für jeden/r Panelist*in. Zur Einordnung und Bewertung veröffentlichen wir in loser Folge Kommentierungen von Kolumbien-Expert*innen.

Niels Annen: AA Staatsminister und stellv. Außenminister, Berlin

  • Annen eröffnete den CAPAZ Roundtable mit einer ausführlichen Würdigung der traditionellen Freundschaft und Partnerschaft von Kolumbien und Deutschland, die sich aktuell bei der problemlosen Rückholung von 1000 deutschen Reisenden aus dem Lande nach Ausbruch der Corona Covid-19 Pandemie bewährt habe (DKF Blog berichtete ausführlich). 1000 deutschen Reisenden aus dem Lande nach
  • „Die Menschenrechtslage macht uns Sorgen“, sagte der Minister ausdrücklich und bezog sich damit auf „periphere Gebiete“ in den ländlichen Regionen Kolumbiens, wo die Zivilbevölkerung unter anhaltender Gewalt leide, die sich besonders gegen „Engagierte wie Gewerkschaftsvertreter und Gemeindevorsteher“ richte, mit in 2019 insgesamt 108 Tötungsdelikten und in den ersten vier Monaten 2020 bereits 56 Fällen, wie Annen hervorhob.Gemeindevorsteher“ richte, mit in 2019 insgesamt 108 Tötungsdelikten und in den ersten vier Monaten 2020
  • Annen appellierte an die kolumbianische Regierung, seine Bevölkerung zu schützen und die Maßnahmen gerade jetzt während der Corona-Quarantäne „nicht zurückzufahren“ – denn davon hänge die Zukunft des Friedensprozesses ab.Maßnahmen gerade jetzt während der                                                       
  • In einer späteren Replik auf die Erfolgsbilanz des Friedensprozesses durch den kolumbianischen Regierungsvertreter würdigte der deutsche Regierungsvertreter die bisherige Friedenspolitik Kolumbiens, gab sich optimistisch, versprach die Bereitschaft zur Fortsetzung des Engagements, auch auf der kulturellen Schiene und mit weiteren Angeboten an die Zivilgesellschaft. Zivilgesellschaft                                                                                                                                                                                                                                                        
  •  Annen ergänzte, „wir haben uns überdurchschnittlich für Kolumbien eingesetzt“, und zwar in einer Form der Entwicklungszusammenarbeit, die die deutsche Regierung jetzt auf ganz Lateinamerika und die Karibik übertragen wolle, und schloss: Die deutsch-kolumbianische Partnerschaft habe „Pioniercharakter“.

 

Emilio Archila: Berater des kolumbianischen Präsidenten im Friedensprozess

  • Archila wandte sich gegen Kritik am Friedensprozess und stellte heraus, dass „wir über die Ergebnisse sprechen müssten“, eines der erfolgreichsten Friedensschlüsse in Bürgerkriegen und Konflikten in der Geschichte, der die Ergebnisse der Konfliktbeilegung in Nordirland weit in den Schatten stelle: „Kolumbien hat in drei Jahren erreicht“, wofür Irland zehn bis zwanzig Jahre brauchte, was auch von Botschaftern vieler Länder sowie UN Gremien gewürdigt worden sei.
  • Im Einzelnen führte der Präsidialberater dazu aus, dass für den Frieden das Land seine Verfassung geändert und die Teilnahme der FARC an den Wahlen ermöglicht habe; 2018 die seit 60 Jahren friedlichsten Wahlen (mit der Wahl von Iván Duque) über die Bühne gebrachte habe, mit Ex-FARC Repräsentanten seither in bedeutenden Ämtern (darunter im Parlament); dass darüber hinaus Kolumbien drei Kommissionen der Übergangsjustiz geschaffen habe (Wahrheits-, Vermisstensuche, Sondergerichtsbarkeit), die alle funktionierten.
  • In den letzten 20 Monaten seien im Friedensprozess mehr Fortschritte erreicht worden als zuvor, darunter: Integration der Ex-FARC Kämpfer in die Gesellschaft, inkl. Gesundheitsversorgung und Jobs (50 Unternehmen als Arbeitgeber), Formalisierung des Katastersystems (Rückführung entwendeten Landes), Elektrizifierung und infrastrukturelle Anbindung ländlicher Regionen (Straßen, Gesundheit, Bildung).
  • In einer späteren Replik auf Kritik über die Tötungsdelikte an Sozialen Führer*innen („líderes sociales“) und Ex-FARC-Kombattant*innen räumte Archila ein, dass auch „wir nicht zufrieden sind“ und dass „das Ziel eine Null“ an Menschenverlusten sein müsse.
  • Mit einer ausführlichen Statistik veranschaulichte Archila die von Kolumbiens Regierung ergriffenen Maßnahmen zum Schutze von Ex-Kombattant*innen in diversen Regionen, Lagern, Ortschaften des Landes, u.a. in Ituango, wo es infolge der Kämpfe zwischen kriminellen Banden und Narkotrafikanten zu elf Morden gekommen sei, wobei kein Ex-Kombattant zu Schaden  gekommen und zwei Anführer bereits festgenommen worden seien*; insgesamt, stellte der Regierungsvertreter heraus, müssten bei all diesen Vorgängen, Maßnahmen, Beurteilung und Kritik auch die schwierige Geografie Kolumbiens („geografía compleja“) berücksichtigt werden (unzugängliche Berg- und Urwaldregionen).

Pater Francisco de Roux, Vorsitzender der Wahrheitskommission

  • Der Geistliche eröffnete seinen Impuls mit dem Hinweis, dass wenn man für jedes Opfer des Bürgerkrieges eine Gedenkminute einlegen wollte, die Gedenkzeit 16 Jahre dauerte.
  • Er hob hervor, dass die Arbeit der Wahrheitskommission von der Pandemie stark betroffen sei, nur noch 19 Monate verblieben, viele Betroffene sich nicht trauten, virtuell Aussagen zu machen, dass Tausende Dokumente noch auszuwerten seien und dass derzeit „200 Prozent der Arbeit“ in die wichtige Sichtung der Quellen fließe.
  • Die Mordserie an Sozialführer*innen sei Ausdruck einer „humanitären Krise“ und eine „Schande“ („desgracia“), die „außerordentliche Maßnahmen“ verlange, wobei Staat, Regierung und Land bei der Verhängung der Quarantäne demonstriert hätten, dass sie zum Ergreifen und Durchsetzen drastischer Maßnahmen imstande seien;  die Morde seien um so schlimmer, als „mit dem Tode eines jeden Sozialführers eine ganze Gemeinde stirbt“ und damit auch das kollektive Vertrauen.
  • In der zweiten Runde der Panelist*innen mit Repliken auf Ausführungen der Vorredner*innen machte der Pater klar, dass der Friedensvertrag von Havanna nicht allein der FARC gelte, sondern allen Kolumbianer*innen, insbesondere Kleinbauern und Campesinos, die als zusätzliche „Tragödie in Stich gelassen“ werden vom Lande  („abandonado“).
  • Abschließend appellierte er an Deutschland, mit seinen Erfahrungen aus den Versöhnungsprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Wiedervereinigung Kolumbien in dessen Transformation zu unterstützen, und schloss, leidenschaftlich, dass für diese generationenlange Arbeit bisher eine tragende Vision fehle („falta la visión en grande“).


Laura Barrios Sabogal, Sozialwissenschaftlerin der Rosario Universität, Bogotá

  • Im Bericht über ihre Feldforschungen in den ländlichen Regionen Kolumbiens hielt die Panelistin fest, dass die Pandemie die Reintegration von Ex-Kombattant*innen erschwere, weil die von ihnen hergestellten Produkte sich kaum mehr vermarkten ließen, was aber auch mit der weiterhin fehlenden Infrastruktur wie leistungsfähige Transportwege zu tun habe.
  • „Der Ausbau der Infrastruktur ist essenziell für den Frieden“, unterstrich sie, „sonst sei er unerreichbar“, und derzeit sei das Vertrauen der Landgemeinden in den Staat nicht groß.
  • Die Mordstatistik sei „skandalös“ und die Menschen (in Nariño, Cauca, Chocó) „erlebten weiterhin den Horror“ des Krieges, mit einem gravierenden Unterschied zur Vor-Quarantäne-Zeit: „Man weiß, wo sie sich befinden, in ihren Häusern“, weshalb Sozialführer*innen und Ex-Kombattant*innen derzeit noch gefährdeter seien als früher.
  • Beim Aufarbeiten der Vergangenheit und Ordnen der gegenwärtigen Verhältnisse müsse die Gender-Gewalt ein besonderer Schwerpunkt sein, forderte die Forscherin.
  • Sie schloss mit dem Herausstellen eines grundsätzlichen Widerspruchs (der später auch Archila zu denken gab): Dass diejenigen, die sich am meisten für den Frieden einsetzten, die am meisten Gefährdeten seien: „Das ist ein Paradoxon.“

Stefan Peters, CAPAZ Direktor, Bogotá, und Professor für Friedensforschung GLU Gießen

  • „Es gibt Skepsis“, begann der CAPAZ-Direktor sein Statement, auch mit Hinweis auf die derzeitige Rekrutierung junger Menschen durch kriminelle Banden infolge der Corona-bedingten Aussetzung der Schule, und bekräftigte: „Eintauschen von Schulheften gegen Waffen“ sei ein No-Go.
  • Peters stellte die Frage, ob Kolumbien nicht eine Verlängerung des Untersuchungs-Mandats erwägen sollte, auch im Lichte positiver internationaler Beurteilungen der Übergangsjustiz.
  • Ein Schüssel für den Frieden allerdings sei die erfolgreiche Drogenpolitik, wobei „Glyphosat nicht die Lösung ist, sondern soziale Entwicklung auf den lokalen Ebenen“, unterstrich Peters, zusammen mit dem Mut, „Out of the Box“ zu denken, etwa den Drogenmarkt zu deregulieren, wobei den Konsumländern und auch der EU eine führende Rolle zukomme (Liberalisierung mit kontrollierter Abgabe, um damit die exorbitanten Einnahmen aus dem Drogengeschäft sowie Geldflüsse für bewaffnete Gruppen trockenzulegen).
  • „Einen Impfstoff gegen Gewalt“ könne er nicht anbieten, dafür wissenschaftliche Analysen und in der Praxis gut erprobte Kooperationsformen mit der Zivilgesellschaft, wobei „der Enthusiasmus für den Frieden aus der Gesellschaft selbst kommen muss“.
  • Der „Knackpunkt“ für den Frieden „ist die Ungleichheit“ in der Gesellschaft, betonte der Gießener Friedensforscher als Kernpunkt seiner Thesen, die sich mit nachhaltigen Mindestlöhnen und progressiver Steuerpolitik abbauen ließe, womit die Fundamente für einen Sozialstaat gelegt würden, mit dem Deutschland bisher so gut gefahren sei.
Die Zoom-Veranstaltung hatte 400 Zuschauer und wurde moderiert von Solveig Richter, Universität Erfurt. Direkte Interaktion mit dem Publikum war nicht vorgesehen. Über die Chat-Funktion wurden viele Fragen zu Statements der Panelist*innen und Fragen des Friedensprozesses gestellt, von denen am Ende nur wenige beantwortet werden konnten. Wiederholte Foren und Polyloge dieser Art mit unterschiedlichen Stakeholdern könnten weitere Impulse für den Friedensprozess generieren, war aus dem Publikum zu hören.

Die Moderatorin beschloss den CAPAZ Roundtable mit einer persönlichen Note, dass sie nach dem Fall der Mauer 1989 die deutsche Wende selbst durchlebt habe und wünschte allen am kolumbianischen Friedensprozess Beteiligten „Hartnäckigkeit“. Abschließend bedankte sie sich für die 20 CAPAZ-Mitarbeiter*innen im Backup für dieses Panel, darunter Claudia Maya und die Übersetzerin.  

Zusammengefasst von DKF Mitglied Wolfgang Chr. Goede nach eigenen Aufzeichnungen – in einem Drei-Satz: Ermordung von Sozialführer*innen stoppen – Soziale Ungleichheit abbauen – Infrastruktur auf dem Lande ausbauen!

 

*) Details lassen sich in einer Audio-/Video-Datei nachhören, die im CAPAZ Newsletter veröffentlicht werden soll.

Weitere CAPAZ Infos: www.instituto-capaz.org


 






 

 




Veröffentlicht am:
21:31:00 23.05.2020

Letzte Aktualisierung
03:36:15 24.05.2020


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