drucken | schliessen
Deutsch-Kolumbianischer Freundeskreis e.V.

DKF-Interview mit einer deutschen Blumenfarmerin - Señora Flowerpower

<< zurück zur Übersicht

Zum Originaldokument des Autors Wolfgang Goede, Medellín


Corona-Update Medellín
24. April 2020
Wolfgang Chr. Goede
© Fotos Angel Flowers



Eva Bitterle ist eine zupackende Deutsch-Kolumbianerin aus dem Schwäbischen, wie der 
Name andeutet, ohne den Hauch eines Dialektes dieses Idioms. Stattdessen verrät ihr Deutsch eine ganz leichte Einfärbung des lokalen spanischen Idioms, des Antioquia-Dialekts, bei dem gegen Satzende die Stimme ansteigt. Kein Wunder, die 42-jährige lebt seit anderthalb Jahrzehnten in Kolumbien. Sie ist hier verheiratet, hat zwei schulpflichtige Kinder, und betreibt mit ihrem Mann Luis einen Blumenexporthandel im Hochland von Medellín. Ihre Blumenfarm „Angel Flowers“ – Engelsblumen – ist ein wogendes Blumenmeer mit 200.000 Hortensien in fast allen Farben des Regenbogens,mit ein paar dazwischen gesprenkelten Gerberas. Schade, wegen der anhaltenden Corona-Quarantäne in Kolumbien und dem Ausgehverbot konnten wir das folgende Interview nicht vor Ort führen. Aber ein ZDF Team war im letzten Oktober zwei Tage auf der Blumenfarm und setzte ihre Schönheit in bewegten und bewegenden Bildern in Szene (Link zur ZDF Videothek unten). Eva und ihre Familie sind seit fünf Wochen in Quarantäne in ihrer Wohnung im Stadtteil El Poblado. Hier das Telefon-Interview zwischen DKF Mitglied Wolfgang Chr. Goede (WG), ebenfalls in Quarantäne in Medellín, und Eva Bitterle (EB). Es kreist um die Kunst des Blumenanbaus, wie man mit dem in Kolumbien üblichen Pragmatismus durch stressige Corona-Zeiten kommt – und was wir in Deutschland davon lernen können.

WG: Liebe Eva, du bist in dieser Quarantänezeit erst ein einziges Mal draußen gewesen. Ruht euer Blumengeschäft?
EB: Nein, ganz und gar nicht. Wir produzieren auf der Farm weiter und schicken unsere Blumen weiterhin regelmäßig in alle Welt.

WG: Was, ich dachte, der gesamte Flugverkehr ruht?

EB: Die Frachtmaschinen verkehren nach regulärem Flugplan fast pünktlich weiter. Unsere Mitarbeiter haben Erlaubnis, von ihren Wohnungen zur Farm zu fahren und von dort zum Airport, um unsere Blumenbestellungen auf den Weg zu bringen. Wir hier in unser Wohnung sind das logistische Zentrum des Ganzen.



WG: Entrollen wir den Faden deines Lebens von vorne. Wie kommt man aus Stuttgart 
zu einem weltweiten Blumen-Export in Kolumbien?
EB: Ich habe BWL studiert, u.a. in Frankreich, und dort im Studium Luis kennengelernt. 2005 sind wir beide nach Kolumbien. Er bekam einen Job in der Wasseraufbereitungstechnologie, ich selber bei der Deutsch-Kolumbianischen Handelskammer in Bogotá. Dort war ich für alle Messe-Events zwischen den beiden Ländern zuständig. 2007 wechselte ich dann für die Kammer nach Medellín. 2012 kam die Blumenfarm auf uns zu. Zwei einheimische Brüder, Vollprofi-Gärtner und Blumenspezialisten, suchten Partner. Wir kauften uns ein und übernahmen den betriebswirtschaftlichen Teil, internationale Kontakte, Web-Marketing, Abwicklung und dergleichen. Mittlerweile betreibt Luis unweit der Blumenfarm noch eine Kaffeefarm.

WG: Blumen sind Botschafter Kolumbiens, ihr das Getriebe dahinter. Wie geht 
Blumenexport?
EB: Wir beschäftigen über ein Dutzend Mitarbeiter*innen, die mit Anbau, Pflege, Ernte und Versenden der Blumen ausgelastet sind. Dazu müssen sie gedüngt und in den Trockenzeiten bewässert werden. Als Wasserreservoir haben wir einen tiefen Teich ausgehoben. Über den Kulturen hängt ein dunkles netzartiges Dach. Das zerstreut die Sonneneinstrahlung und verhindert Verbrennungen bei Pflanzen und Blüten. Gleichzeitig lässt dieser Schutz den Regen durch, der jetzt in der Winterzeit reichlich niedergeht. Beim Wachstum kontrollieren wir streng die Qualität und Blütenfülle. Gerüste an den Stängeln sorgen für geraden Wuchs. Um unsere Standards und die Wünsche unserer Kunden zu erfüllen, müssen wir während des Wachstums- und Produktionsprozesses unsere Blumenkulturen stark ausdünnen. So wachsen nur die stärksten und qualitativ besten Blüten in optimalen Bedingungen heran.

WG: In die Bewunderung für die kolumbianische Blumenwirtschaft mischt sich in 
Europa auch Kritik: zu viel Chemie! Wie hält ihr‘s damit?
EB: Unsere Hauptabnehmer sitzen außer in Südkorea in den USA. Wie alle USReisenden erfahren haben: Die Einwanderungs- und Zollbehörden sind unglaublich streng, was die Einfuhr von Lebensmitteln wie auch Lebendigem angeht. Insekten und Würmer, die mit unseren Blumen einreisen könnten, gehören zu den strengen Verboten an den US-Grenzen. Deshalb legen wir allergrößten Wert darauf, schädlingsfreie Ware zu versenden. Auch in der Verantwortung für alle anderen Hersteller in Kolumbien. Ein paar Würmchen – und der ganze Export könnte auf den Index der US-Behörden gelangen. Deshalb müssen wir mit Chemie gegen Schädlinge vorgehen. Aber natürlich versuchen wir stets eine ökologische Balance zwischen Natur und Insektiziden hinzukriegen. Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erfolgt unter strengen Aufsicht durch unseren Agraringenieur.




WG: Ist der in den USA so beliebte Valentinstag im Februar die alljährliche 
Verkaufsspitze? 
EB: Das ist dort hauptsächlich ein Tag für Rosen. Unsere Hortensien spielen dafür keine große Rolle. Unser Höhepunkt ist immer der Muttertag, dieses Jahr am 10.Mai. Wegen der weltweiten Shutdowns und Quarantänen fällt der für uns verkaufstechnisch diesmal höchstwahrscheinlich weitgehend aus. 

WG: Mit deiner deutschen Heimat müsstet ihr doch einen sehr regen Handel pflegen?

EB: Nein, nicht so sehr. Im Herbst und Winter sind dort andere Blumensorten gefragt. Und im Frühjahr und Sommer kommen die Hortensien schnell und günstig aus dem Blumenland Holland in deutsche Blumenvasen.

WG: Wie kommt‘s denn, dass das viel weiter entfernte Korea ein Schlüsselland für 
euch ist?
EB: Dank unserer Qualitätsstandards liefern wir eine besonders üppige Blumenpracht. Alle nicht wohlgeratenen Blütenblätter zupfen wir in einem letzten Kontrollgang vor dem Versand weg. Diese Perfektion gefällt den Menschen in Südkorea, besonders in den Farben Weiß und Blau. Weiße Hortensien sind überall für Hochzeiten sehr beliebt.

WG: Wer gar nichts wird, wird Betriebswirt. Dieser Spruch, von dir gerade gelernt, war 
mir bisher fremd. Das krasse Gegenteil trifft auf euch beide zu. Wie geht’s dir bei so viel Arbeit denn privat in der gar nicht mehr so neuen Heimat?
EB: Bei den Deutschen kommt zuerst die Arbeit und dann das Feiern. Wir und sämtliche Kolumbianerinnen und Kolumbianer um uns herum, hier in Medellín und Antioquia, sind richtig fleißig, aber so rigide festgelegt sind wir nicht. Hier können wir auch mal einen entspannten Morgen genießen und dann in die Vollen gehen. Wir sind nicht so durchgetaktet wie drüben in Deutschland, dafür aber flexibler in der Reaktion auf die täglichen Anforderungen.

WG: Hättest du dafür Beispiele?

EB: Wenn wir einmal im Jahr auf Familienbesuch im Schwäbischen sind und durch die Gartenanlagen spazieren, fällt auf: Alles picobello, Stühle und Bänke stehen bereit, doch kein Mensch ist zu sehen. Alle am Schaffen, Mensch hat keine Zeit. Eine Freundin aus Deutschland erzählte mir von Schulen in ihrer Gegend, IT-technisch so unterversorgt, dass Lehrer von ihren eigenen Accounts arbeiten müssen. Und das jetzt im Shutdown, wo wir alle virtuell weiterfunktionieren müssen. Die Deutsche Schule hier in Medellín schaffte die Wende vom analogen zum digitalen Lernen in nur zwei Tagen. Pünktlich um 7 Uhr 20 sitzen unsere Kinder am Rechner und der Unterricht 

WG: Volkshochschulen in Deutschland versuchen seit Wochen den Turn-Around von 
analog zu digital, bisher vergeblich. Interessenten weichen auf andere virtuelle Angebote aus – Folge: Die Einrichtungen verlieren Geld, VHS Mitarbeiter wurden auf Kurzzeit gesetzt. Flexibilität, Tempo, Pragmatismus sind Trumpf in dieser Krise. Mit der sprichwörtlichen deutschen Perfektion schießen wir uns damit nicht selber ins Knie?
EB: Nicht hier, dieser Praxisgeist zieht sich durch alle Gewerbe. Mit Beginn der Pandemie schlossen wie in vielen anderen Ländern die Fitnessstudios. Reaktion in Medellín: Sie verteilten von einen auf den nächsten Tag ihre Geräte auf ihre Kunden. Bei mir steht jetzt ein stationäres Fahrrad auf dem Balkon, auf dem ich täglich eine Stunde strampele, wahlweise gibt’s auch virtuelles Sporteln. Restaurants in Medellín haben sich in wenigen Tagen auf Web-Shops umgestellt. Hier in Kolumbien steht das Praktische im Vordergrund. Man versucht’s – wenn’s nicht funktioniert, keine Schande, dann wird’s anderswie versucht.beginnt, auch mit  virtuell anspruchsvollen Fächern wie Kunst und Musik. 



WG: Auch wegen dieses Erfindergeistes hat Medellín sich die Auszeichnung 
„Welthauptstadt der Innovation“ verdient. Was könnten wir noch von diesem Lande lernen?
EV: Gemeinschaftsgeist. Die vielen Krisen, die Kolumbien erfolgreich durchstanden hat, haben in den Menschen eine Überzeugung gefestigt: Da müssen wir gemeinsam durch, in Solidarität, mit gegenseitiger Hilfe, mit großer Verantwortung von jedem Einzelnen, besonders jetzt während der Pandemie. Das ist im Sozialstaat Deutschland ein wenig verkümmert. Auch der ausgeprägte Individualismus dort fördert das nicht. Das heißt, in unserem Betrieb ist keiner auf Kurzzeit und alle Gehälter werden weitergezahlt. In der Schule hat dieser Gemeinschaftsgeist einen hohen Wert. Trotz des anspruchsvollen Niveaus wird viel Rücksicht auf die Schülerinnen und Schüler und deren Lernverhalten genommen. Dieses personalisierte Lernen, in Deutschland nicht verbreitet, tut unseren Kindern sehr gut.

WG: Gemeinsamkeit ist das Zauberwort dieser Tage, in Kolumbien wird sie gelebt. 
Auch in der Gleichberechtigung und Genderfrage? 
EB: Das hat zwei Seiten. Die Geschlechterrollen sind markant. Frau serviert, Mann schleppt die Einkaufstüten. In der Arbeit herrscht nach meiner Erfahrung mehr Gleichberechtigung als in Deutschland. Viele Frauen haben Führungspositionen in Wirtschaft und Politik. Während Frauen mit Kindern in Deutschland sich auf Halbtagsarbeit zurückziehen, arbeiten Mütter hier ganztags weiter. Auch dank der in Kolumbien üblichen Ganztagsschulen. Sie ersparen den Karriereknick.

WG: DKF und ich danken für die wertvollen Einblicke. Bleibt gesund, passt gut auf 
euch auf und verwöhnt die Welt weiterhin mit euern prächtigen Hortensien aus dem „Oriente“ (östliches Hochland von Medellín)!

http://www.angelflowers.co/
https://amp.zdf.de/nachrichten/hallo-deutschland/hallo-deutschland-724.html






Veröffentlicht am:
01:05:45 24.04.2020

Letzte Aktualisierung
11:52:33 01.05.2020


<< zurück zur Übersicht

URL: http://www.dkfev.de/index.php?section=news&cmd=details&newsid=142&printview=1
© 2006 Deutsch-Kolumbianischer Freundeskreis e.V.
drucken | schliessen